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Hans Fallada (d.i. Rudolf Ditzen 1893-1947) Litterarische Mittwochsgesellschaft IV


Kursnummer O2EA904
Beginn Mi., 23.06.2021, 19:15 - 21:30 Uhr
Kursgebühr 8,00 €
Dauer 1 Termin
Kursleitung Dr. Rüdiger Krüger
Bemerkungen Schreibzeug (Papier, Schreibmaterialien) für Notizen während der Veranstaltung;
in der vhs.cloud unter MATERIALIEN/Dateiablage finden Sie Materialien zum rein privaten Gebrauch; diese können Sie nach Freischaltung Ihres Zugangs herunterladen.
Kursort vhs.cloud, digitales Angebot
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Hans Fallada

Ich weiß ein Haus am Wasser

Was ich ihr nicht schildern kann, was ich dir nicht schildern kann, lieber Leser, das ist die Lage dieses Landhauses, ein wenig abseits vom Dorf, zwischen Obstbäumen, von hohen Tannen beschirmt, am Ufer eines großen Sees. Mit fünfzehn Schritten sind wir vom Hause am Wasser. Der See da ist sehr tief, sein Wasser kristallklar, noch in der stärksten Sommerhitze bleibt es kühl. Ist im August der Tag sehr heiß, ist es beinahe Essenszeit, so stürzen, gesotten vom Küchenherd, Hausfrau und Haustöchter erst noch einmal in den See. Ein wenig feucht, aber kühl und lächelnd setzen sie sich an den Tisch.
Und dieser See an meiner Tür ist nur einer von fünf Seen, an denen Mahlendorf liegt. Von allen Fenstern aus sehen wir Wasser, lebendiges Wasser, das Schönste auf Erden. Es blitzt auf zwischen den Wipfeln uralter Linden; es verliert sich in der Ferne, begleitet von schmächtigen Ellern; dickköpfige Weiden suchen es zu verstecken, hinter gelben und grünen Schilffeldern breitet es sich weit. In diesen Schilffeldern nistet noch die Rohrdommel, ein immer seltener werdender Vogel. Ich habe ihn nie zu sehen bekommen, aber im Frühsommer höre ich den Ruf der Dommel, einen seltsamen, höchst unmelodischen Ruf, der genau so klingt, als pumpe man mit einer ächzenden, quietschenden Pumpe.
Jenseits unseres Sees sehen wir andere Höfe, auf Hügeln gelagert, dort ist schon Preußen, die Uckermark, Nudelland, wie man hier spöttisch sagt. Denn der Uckermärker nennt Kartoffeln nicht „Tüften“ wie jeder anständige Mecklenburger, sondern „Nudeln“. Die Seen sind die Grenze.
Weitab liegt dies Dorf von der Welt, trotzdem Berlin in zwei Autostunden zu erreichen ist. Nicht einen Tag, nicht eine Stunde haben wir es bedauert, uns hier angekauft zu haben. Es ist mit den Jahren, die jedes irgendwelche Bauerei brachten, ein recht teures Haus geworden – ich glaube, für das Geld, das ich in das alte Haus gesteckt habe, hätte ich zwei neue bauen können. Es hat unendlich vieler Arbeit bedurft, um aus der Unkraut- und Steinwüste einen wirklichen Garten, einen ergiebigen Acker zu machen. Aber Haus wie Land haben jede Mühe gelohnt. Jedes Jahr wurde es noch ein bißchen schöner.
Für unsere Kinder ist das schönste auf der Welt Mahlendorf. Fahren wir einmal nach Berlin, so betteln sie: „Ach, nehmt uns doch mit!“ Aber kaum sind wir drei Tage in Berlin, so langweilen sie Autos, Zoo und Cafés, die fragen: „Fahren wir nicht bald wieder nach Haus? Es ist so langweilig in Berlin!“
In Mahlendorf gibt es keine Langeweile. Kein Sommerferientag ist zu lang: Die Kinder finden ihre Beschäftigung. Sie spielen zwischen Torfmull, Kompost und Holz, jagen sich im Obstgarten, verstecken sich auf dem Heuboden, spüren Eier verlegenden Hühnern nach, rudern auf dem See, schwimmen im See, spielen mit dem Hund, rennen ins Dorf – Berlin? Ach was, Berlin! Mahlendorf!!!
Ich habe eben wieder einmal Glück gehabt, grade als ich auf der Kippe stand. Ich habe schlecht gekauft? Ich hätte nicht besser kaufen können!

Aus: Hans Fallada: Heute bei uns zu Haus. Berlin: Aufbau Taschenbuch Verlag, 2002
© Aufbau-Verlag Berlin und Weimar, 1982

Anmeldeschluss: 23.06.2021, 16.00 Uhr

Anmeldungen und nähere Informationen unter www.vhs-re.de, 05242 90 30-139 oder aleksandra.matuszak@vhs-re.de




Datum
23.06.2021
Uhrzeit
19:15 - 21:30 Uhr
Ort
vhs.cloud, digitales Angebot


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