Kultur, Gestalten
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Gerhart Hauptmann (1862-1946) Litterarische Mittwochsgesellschaft I


Kursnummer O2EA901
Beginn Mi., 10.03.2021, 19:15 - 21:30 Uhr
Kursgebühr 8,00 €
Dauer 1 Termin
Kursleitung Dr. Rüdiger Krüger
Bemerkungen Schreibzeug (Papier, Schreibmaterialien) für Notizen während der Veranstaltung;
in der vhs.cloud unter MATERIALIEN/Dateiablage finden Sie Materialien zum rein privaten Gebrauch; diese können Sie nach Freischaltung Ihres Zugangs herunterladen.
Kursort
vhs.cloud, digitales Angebot
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Der große Gerhard Hauptmann, Wegbereiter des Naturalismus, mit den "Webern" und dem "Biberpelz" schon im 19. Jahrhundert eine Institution, ist aus der Deutschen Literatur der ersten Hälfte des 20. Jahhunderts nicht wegzudenken. Literatur-Nobelpreisträger von 1912 - von Adolf Hitler 1944 in die Gottbegnadeten-Liste und als einen der sechs wichtigsten Schriftsteller in die Sonderliste der unersetzlichen Künstler aufgenommen, das ist die extreme Bandbreite, die bei einer Auseinandersetzung mit Gerhard Hauptmann als Dichter zwischen 1930 und 1945 beachtet werden muss. Zur Einstimmung zwei Zitate Tucholskys von 1911 und 1935 (kurz vor seinem Tod):

Kurt Tucholsky

Der Dichter der »Weber«
bei Ullstein und Mosse

Erst hieß es schüchtern, Hauptmann beschäftige sich momentan mit einer Bearbeitung der Parzivalsage für die Jugend. Nun kommt heraus, daß diese Bearbeitung bei Ullstein erscheinen wird.
Es ist nicht hübsch, daß der Hauptmann mit seiner Uniform handeln geht. Wenn auch das Dichten bei ihm kein Geschäft war, so wird es ihm doch niemand übelnehmen, wenn er seine Werke so günstig wie möglich verkauft. Aber ein Mann wie Hauptmann hat doch die Pflicht, zu sehen, an wen. Er mußte wissen, daß Ullstein ihn zu dieser Arbeit nur aufgefordert hat, um mit dem Namen zu protzen. Wie er mit anderen auch protzt.
Hauptmann, der vor 14 Jahren die »Weber« schrieb, durfte nicht einem Verlag seinen Namen vermieten, dem systematisch – in allen Dingen – die fettgedruckte Überschrift wichtiger ist als der Inhalt, der mittäglich den Geschmack durch dumme Witze und schlechte Sensation noch mehr verdirbt, der die Leibwäsche der Finanz und die Abführmittel der Schauspieler aus dem ff studiert, der politisch soweit liberal ist, wie das Geschäft es erlaubt – Hauptmann durfte das nicht.
Ullstein ist kein Vorwurf zu machen. Er ist Kaufmann.
Ebenso wie Mosse, der einen neuen Roman Hauptmanns zum teelöffelweisen Abguß . . . Abdruck wollte ich sagen, für das »Tageblatt« erworben hat.
Es ist ein trauriges Schauspiel, einen Dichter handeln zu sehen.

anonym im Vorwärts, 05.12.1911, Nr. 284, S. 1.

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Kurt Tucholsky

[An Hedwig Müller]

Q-TAGEBUCH
[15.1.35]
für die Nuuna mit dem qgelbauch

[…]
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Hauptmann geläsen. Dieser schwabblige, quabblige, charakterlose Schwätzer ist einmal ein Dichter gewesen, so leid es mir tut. Ich habe das genau an einem Stück nachprüfen können, das ich nicht kannte: an der Fortsetzung des ›Biberpelzes‹, dem ›Roten Hahn‹. Das ist eine schlechte Komödie, sie geht schief aus, fängt wunderbar an, und welche Einzelheiten! In der Dialogen ist gerade das, was man ihm am wenigsten zutrauen sollte: Einfachheit. Die Leute sagen das Überraschendste, und das Aller-Allereinfachste. Und wie! Da ist eine Auseinandersetzung zwischen Mann und Frau, wo der Mann immer drohender sagt: »Mutter, ick jebe dir det zu bedenken . . . « bis er ausbricht: »Mutter, ick hau dir eene uffn Deetz!« das ist ganz wunderbar. Oder, wenn der pensionierte Gendarm Rauchhaupt den »Zepitaph« für den ersten Mann der wiederverheirateten Wolffen bringt. Sie erläutern die Inschrift: die Frau, die gleich etwas zu heulen anfängt, der zweite Mann und der Verfertiger. Der Gendarm hat eine Schnapsflasche in der Hand, mit der zeigt er auf das Kreuz:

Der Versken hier ha' ick nu selber jemacht. Ich will et man vorsprechen, horcht man zu:

Im Herzen sind wir alle Sünder,
'n jeder kann det noch lange nich! –
Im Herzen sind wir alle Sünder,
Der Bettler wie der Prinz nicht minder.
Doch dieses Mannes Herze war
Unschuldig und wie Wasser klar.

(Die Frauen weinen stärker. Er fährt fort) Det mußte ick mit Kremserweiß überjehn, und det hier, det »Jott«, det is preußisch blau. (Er trinkt)

Das sitzt eben. Und so tausendmal. Daß es theaterwirksam ist, habe ich gesehn – beim Lesen lacht man sich kaputt. Der erste Akt des ›Biberpelz‹ ist ein Modell des Genres. Aber:
Was werden damit die Leute der nächsten Generation anfangen? Gar nichts. Denn es bleibt nur der Stoff, und der ist nicht sehr stark, und die Luft ist zeitgebunden. Das Behagen, das unsereiner am Dialekt, an den Einzelheiten hat – das bleibt nicht. Es hat sich auch nie ins Ausland übertragen. (Höchstens bei den ›Webern‹, an denen die Tendenz das Schwächste ist, und bei der entsetzlichen ›Versunkenen Glocke‹.) Schade. Es ist mal etwas gewesen.
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[…]
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Kurt Tucholsky: Briefe. Auswahl 1913–1935. Herausgegeben von Roland Links, Berlin: Verlag Volk und Welt, 1983.
© für die Tucholsky-Texte: Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

Kurt Tucholsky: Gesammelte Werke in zehn Bänden. Herausgegeben von Mary Gerold-Tucholsky und Fritz J. Raddatz, Reinbek bei Hamburg: Rowohlt Verlag, 1975.
© Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

Anmeldeschluss: 10.03.2021, 16.00 Uhr

Anmeldungen und nähere Informationen unter www.vhs-re.de, 05242 90 30-139 oder aleksandra.matuszak@vhs-re.de




Datum
10.03.2021
Uhrzeit
19:15 - 21:30 Uhr
Ort
vhs.cloud, digitales Angebot


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